Über das Tor zur Welt gibt es so einiges an Gerüchten. Ein wenig spröde sollen die Hamburger sein. Stimmt nicht. Es regnet ständig. Stimmt auch nicht ganz. Alles andere ist wahr: In Sachen Pop-Historie dreht sich hier alles auf 33 und 45 Umdrehungen pro Minute – Plattenläden, Livemusik, Bars und mehr. Behalten wir die schöne Tradition bei und tauchen wir auch auf der ersten Station unseren neuen Pop-Voyage ganz tief in die Welt der Recordshops ein. Und da, kein Schnack, kann es bundes-, wenn nicht europaweit niemand mit der Elb-Metropole aufnehmen.

Mit knapp 30 Plattenläden gibt es nirgendwo sonst soviele Tonträger-Geschäfte pro Einwohner. Die einen würden sagen: Konkurrenz. Die anderen, nichtzuletzt die Plattenhändler selbst, nennen es Vielfalt. Anders als variabel ginge es bei dieser Dichte auch gar nicht und so haben alle Plattenläden ihre ganz besonderen Eigenheiten. Da wir an dieser Stelle lieber zwei, drei Läden mehr vorstellen wollen, machen wir es als kleinen Remix mit vielen Beats und hohem Tempo: Die komplette Hamburger Schule – die alte mit Udo Lindenberg und Freddy als auch die neue mit Bernd Begemann, den Tocos, Kettcar & Co. – findet man in der „Hanseplatte“. Direkt gegenüber flirren die Beats im nüchtern gehaltenen Showroom von „Smallville Records“, ein paar Blocks weiter heißen Marga und Booty den geneigten Soul-Eklektiker im „Groove City“ willkommen, um die Ecke Richtung Feldstraße residiert der legendäre Michael Ruff in seinem Laden „Ruff Trade“.

Stöbern mit Muße kann man prächtig bei Paul und Herbert in der „Plattenrille“, die Big Names „Zardoz“ (im Schanzenviertel) und „Michelle’s“ (in der Innenstadt) sind immer einen Pflichtbesuch wert und wer sich gern in Erstaunen versetzen lässt, dem sei das fast schon legendäre „Freiheit & Roosen“ mit seinem unglaublichen Vinyl-Sortiment, den Comics und Büchern, den Discokugeln, Postern und Vintage-Stereoanlagen empfohlen. Den coolsten Style-Crossover zwischen Vinyl und Fashion gibt es bei Ingo Schepper im „Selekta“ auf dem Schulterblatt, der im Erdgeschoss nicht nur ein exquisites Sortiment von Ska bis Northern Soul, von Fred Perry bis Ben Sherman führt, sondern im Basement auch superbe DJ-Events mit Größen wie UK-Legende Don Letts und anderen veranstaltet.

Basis der Hamburger Schule: Musik und Appetit

Wer zwischen Schanze und Karoviertel welchem auch immer gearteten Shopping frönt und dabei vom Hunger heimgesucht wird, dem sei der Besuch bei Samy Deluxe empfohlen. Was der Rapstar mit aufkommendem Appetit zu tun hat? Ganz einfach: Der Mann hat seine private Burgervorliebe zum Business gemacht und mit „Gefundenes Fressen“ ein Restaurant zum Thema Beef & Co. aufgemacht. Hier rappt der Chef noch selbst, wie man im Auftaktfilm seiner Website feststellen kann.

Apropos Schanze und Essen: Einen der besten und engagiertesten Restaurantchefs findet man in der Weidenallee, wo Lutz Bornhöft und sein „Juwelier“ nicht nur in der Tat Edles für den Gourmet bereithalten, sondern ganz norddeutsch-pragmatisch den kochenden Flüchtlingen vor Ort unter die Arme greift und Themenwochen mit Gastköchen veranstaltet – appetitlich, engagiert und kreativ.

Und noch ein Tipp in Sachen Pop und Food: In der „Cantina Popular“, auf dem Schulterblatt unweit von „Zardoz“ gelegen, gibt es exquisite Speisen aus Lateinamerika und superbe Cocktails. Wer sich den höchst unterhaltsamen Infotext auf der Facebook-Seite des Restaurants zu Gemüte führt, der ahnt bald, wer hier als Teilhaber die Finger im Spiel hat. Niemand geringeres als der einzigartige Heinz Strunk.

Ähnlich wie bei den Plattenläden verhält es sich natürlich auch bei den Konzert-Hallen, -Clubs und -Hinterzimmern der Stadt. Die legendären Big Player wie das „Knust“, wo man nicht nur famose Indoor-Shows, sondern auch Pauli-Heimspiele, akustische Küchensessions und Plattenbörsen genießen kann, und die „Markthalle“ am Hauptbahnhof, bedürfen kaum der Erwähnung, sind sie doch unverpassbare Fixpunkte in der popkulturellen Historie der Stadt.

Schwedische Lichtgestalten treffen auf Punkbands

Auch das „Molotow“ hat den Betrieb nach dem Umzug vom oberen ans untere Ende der Reeperbahn längst wiederaufgenommen und sein Business nach der Aufregung um den Abriss der Esso-Hochhäuser wieder normalisiert. Hier gibt sich von schwedischen Lichtgestalten über aufstrebende deutsche Punkbands bis zu US-Indie-Insider so ziemlich alles, was Talent hat, das Gitarrenkabel in die Hand. Gezockt wird nicht nur im Hauptsaal, sondern auch in der schummrig-schönen „Skybar“ in der ersten Etage und im rustikal-atmosphärischen Hinterhof, dem „Molotow Backyard“.

Einen Mix jenseits aller Stilgrenzen erwartet den geneigten Konzertgänger im „Nochtspeicher“, wo Country-Größen und Electro-Acts ebenso eine Bühne finden, wie Hamburgs beste Kinderrock-Band Radau! oder die Schweizer Indiepopper von We Invented Paris.

@mogliofficial Diese Künstlerin kann so einiges. Aber vor allem kann sie eins: frei sein und dabei Musik machen. Aufgewachsen in einem linksalternativen, künstlerisch geprägten Umfeld mit zwei Müttern, fällt ihr beides bereits in frühen Jahren leicht. Schon als Baby singt Selima Taibi, bevor sie überhaupt sprechen kann. Mit 11 fährt sie spontan zum Vorsingen an der Frankfurter Oper (und wird sofort genommen!), mit 13 ist sie Mitglied in einer Schauspielgruppe und reist zum ersten Mal allein. Als sie 18 ist beschließt sie, dass sie nach dem Abitur erstmal keine Entscheidungen mehr treffen, sondern Musik machen will – und wieder auf Reisen geht. „Beides war nur logisch: Musik gehört so sehr zu mir, dass meine Familie sich Sorgen gemacht hat, wenn ich als Kind mal nicht gesungen oder vor mich hin gesummt habe“, erzählt die gebürtige Frankfurterin. „Und das Gehalt von der Oper, das meine Freundinnen aufs Sparbuch gepackt haben, habe ich komplett ins Reisen investiert.“ So entsteht das erste MOGLI -Album unterwegs. Am 02.11 kommt diese wundervolle, talentierte junge Frau zu uns in den #nochtspeicher und wir freuen uns sehr auf dieses besondere #konzert photo: official PR pic

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Ganz im Stil der Hamburger Schule gibt es keinen Hamburg-Tipp ohne die Fab Four und auch wenn das Beatles-Denkmal an der Großen Freiheit ein wenig lieblos im Herbstregen vor sich hinrostet, die „Beatles Tour“ mit Zeitzeugen und famosen Geschichtenerzählern ist ein gelebtes Stück Rock-Geschichte, das jeden absolvierten Meter lohnt. Von den Beatles ist es nicht weit bis zum „Revolver Club“, den die Indie-Crooner Benny Rüß und Marco Flöß jetzt seit anderthalb Dekaden erfolgreich betreiben und mittlerweile durch ganz Deutschland jetten, um exquisit kompilierte Tunes aus Britpop und Indie, Shoegaze und Postpunk auf den Plattenteller zu befördern.Wer die Hansestadt im Sommer besucht, der folgt den beiden und ihrem Plattenkoffer dann vielleicht auf die Barkasse Hedi, um untermalt von Blur und Oasis, Ride, Smiths oder auch mal Adriano Celentano die etwas andere Hafenrundfahrt zu absolvieren. Ahoi! Und bis bald in der Hansestadt!