Glitzerwelt

Wir alle wissen: Die alljährliche Victoria’s Secret Show ist ein Schaulaufen der Superlativen: Ellenlange Beine, beneidenswertes Haar, fettfreie Körper und allem voran gigantische Engelsflügel – in dieser Glitzerwelt wird geklotzt, statt gekleckert. Wenn man sich einmal in der Mode- und Werbelandschaft umschaut, drängt sich allerdings die Frage auf: Wie zeitgemäß ist ein Schönheitsideal, das Anfang der Neunziger konstruiert wurde?

Eine Fantasiewelt aus der Vergangenheit?

Zwar wird die Victoria’s Secret Show erst am 04. Dezember in voller Länge ausgestrahlt, Social Media sei Dank, konnte man sich aber schon einen guten Eindruck des 2018er-Schaulaufens machen. Zu sehen: Wunderschöne, puppengleiche Frauen mit langen Haaren, gestählten Körpern und hochgeschnallten Brüsten, für die sie monatelang entbehrungsreich gelebt und mächtig geackert haben – Motivation und das Traum-Abbild vieler Frauen, die sich an jenem präsentierten Schönheitsideal orientieren. Oder sollte man eher sagen orientiert haben?

Die Mädchen, die mit der Show großgeworden sind, sind heute nämlich zu Frauen herangereift, die sich – ebenfalls Social Media zu verdanken – emanzipiert haben und sich von diverseren, inklusiveren und deutlich realitätsnäheren Auffassungen von Schönheit umgeben sehen. Sinnbildlich für den Genrationswechsel steht wohl Engel Adriana Lima, die bei der diesjährigen Show nach rund 18 Jahren, das letzte Mal über den Catwalk lief – selbstredend, ohne auch nur einen Deut an Schönheit, Attraktivität und Uniformität eingebüßt zu haben.

„Sollten wir Transgender-Models in der Show haben? Nein. Nein, ich finde, wir sollten das nicht. Warum? Weil die Show eine Fantasie ist.“

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Die Glitzerwelt steht in der Kritik

…eine Fantasiewelt ist die Victoria’s Secret-Welt allemal. Sie ist gepaart mit den hochkarätigen Show-Acts, den Emotionen, die die Models humorvoll und animierend präsentieren vor allem eine Werbeveranstaltung mit gigantischem Unterhaltungswert – süffisant und schön anzuschauen. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung allerdings lösen die Äußerungen zu Transgender-Models, die Marketing-Chef Ed Razak in einem Interview mit der amerikanischen Vogue getroffen hat, derzeit eine heftige Debatte aus, in die sich neben Transgender-Model Leyna Bloom unter anderem auch Kendall Jenner und Sängerin Rihanna eingeschaltet haben.

Man muss den Machern der Show zweifelsohne lassen, dass sie Vorreiter in Sachen ethnischer Diversität waren – eine Entwicklung, die bei den Prêt-à-porter-Schauen erst deutlich später in Gang getreten wurde. Aber das missglückte Interview mit dem Casting-Director, die Debatten um #MeToo und Gleichberechtigung sorgen beim Ansehen der Show oder dem, was davon bereits im Netz zu sehen ist, zweifelsohne für ein Geschmäckle, das zum Nachdenken anregt. Victoria’s Secret als Fantasie oder tatsächliches Schönheitsideal? Diese Entscheidung bleibt im Jahre 2018 wohl jedem Betrachter selbst überlassen.